Herr Hofer, welche Funktion und welche Tätigkeiten verantworten Sie beim Auf- und Ausbau des Fernwärmenetzes in Muri-Gümligen?
Dominik Hofer: Ich bin Ingenieur und Projektleiter. Dabei trete ich als Bauherr der gbm auf wobei es meine Aufgabe ist, die Qualität der Arbeit der Bauleute vor Ort zu gewährleisten und die Kosten im Rahmen zu halten.
Was ist wichtig bei der Planung eines Fernwärmenetzes in Muri-Gümligen und wie sieht das planerische Vorgehen aus?
Da gibt es vieles zu beachten und zu berücksichtigen. Der Prozess beginnt mit einer guten Vorausplanung eines neuen Streckenabschnitts. Im nächsten Schritt werden in der Regel die Durchleitungsrechte erwirkt und das Baugesuch eingereicht. Nach Vorliegen der Baubewilligung werden die Arbeiten ausgeschrieben, die Eingaben bewertet und anschliessend die Vergaben vorgenommen. Dabei arbeitet man sehr eng mit Bauingenieur und Rohrbauplaner zusammen. Nachdem die Arbeiten an Baumeister und Rohrleitungsbauer vergeben sind, kann mit der Umsetzung begonnen werden.
Man stellt Informationen zusammen, um zum Beispiel mit Flyern, Plakaten und via Lokalnachrichten die Anwohnerinnen und Anwohner über die bevorstehenden Arbeiten zu informieren. Danach geht es los mit den Bauarbeiten: Das bedeutet vorab die Verkehrsführung sicherzustellen sodann die Gräben auszuheben und die Fernleitungen in den Gräben zu verbauen. Letzteres ist mit vielen Zusatzarbeiten verbunden. Nach der abschliessenden Dichtigkeitskontrolle der verlegten Leitungen erfolgt die Freigabe dafür, die Graben wieder aufzufüllen.
Ein Leitungsgraben hat beim Aushub eine Tiefe von 1,30 bis 1,40 Meter. Ein Fernwärmerohr wird im Normalfall mit 60 bis 80 Centimeter Material bis zur Oberkante der Strasse überdeckt. Zum Abschluss der Arbeiten wird der Oberflächenbelag wiederhergestellt, entweder durch Asphaltieren oder Begrünen. Während dieser gesamten Bauzeit wird weiterhin geplant, da die bestehenden Werkleitungen im Untergrund meist nicht dort verbaut wurden, wo sie auf den vorhandenen Plänen eingezeichnet sind.
Was ist zu berücksichtigen beim Bau einer Fernwärmeleitung?
Vieles! Jetzt folgen Informationen für technisch interessierte. Eine Fernwärmeleitung besteht aus drei Elementen. Im Kern befindet sich ein Stahlrohr, das von einer Wärmedämmung umhüllt ist. Darüber liegt ein Kunststoffmantel. Die Rohre einer Leitung werden im Graben unten verschweisst. Das ist Hochpräzisionsarbeit von Spezialisten.
Je nach Aussenklima müssen die Muffen unterschiedlich verbaut werden. Eine Muffe ist, vereinfacht gesagt, die wasserdichte Schutzhülle für die Verbindungsstelle zweier Fernwärmerohre. Die Schweissnähte werden mit Ultraschall auf ihre Qualität hin geprüft. Eine richtig gute Schweissnaht zu erstellen ist keine leichte Aufgabe.
Der Umgang mit der Statik der zu verbauenden Fernleitungen ist eine Wissenschaft für sich. Man kann Rohrabschnitte gerade verbauen, braucht dafür aber eine Heizung, um diesen Abschnitt sogenannt «vorzuspannen». Beim Vorspannen werden Fernwärmerohre vor der Inbetriebnahme gezielt erwärmt und in ihrer späteren Betriebsposition befestigt. So entstehen beim späteren Heissbetrieb deutlich geringere Spannungen in den Leitungen. Das schützt Schweissnähte und Verbindungen und hilft, das Fernwärmenetz dauerhaft dicht zu halten.
Beinahe am wichtigsten ist jedoch, dass auf der Baustelle ein guter Teamgeist herrscht. Das heisst, dass die verschiedenen Beteiligten (Bauingenieur, Rohrleitungsplaner, Baumeister, Rohrleitungsbauer, Bauherr u.w.) an einem Strang ziehen, um gemeinsam möglichst gute Lösungen zu finden und Ergebnisse zu erzielen.
Was ist beim Bau von Fernwärmeleitungen in Bezug auf nebenliegende andere Werkleitungen, zum Beispiel Wasser- und Gasleitungen, zu beachten?Bei Wasserleitungen ist darauf zu achten, dass eine parallele Leitungsführung mit der warmen Fernwärmeleitung vermieden wird, um das Trinkwasser möglichst kühl zu halten. Bestehenden Leitungen wie Gas- oder Wasserhauptleitungen versucht man, wenn möglich, aus dem Weg zu gehen, um Risiken zu vermeiden. Allgemein haben wir eine Vorgabeliste zur Hand, in der geregelt ist, wie nah wir die Fernwärmeleitungen an anderes Material im Untergrund legen beziehungsweise bauen dürfen.
Worin unterscheidet sich der Fernwärmeleitungsbau gegenüber dem Bau anderer Werkleitungen, beispielsweise Gas?
Der Fernwärmeleitungsbau unterscheidet sich vom übrigen Werkleitungsbau dadurch, dass wir die Ausdehnung der Fernwärmerohre berücksichtigen müssen. Deswegen müssen wir bei der Kaltverlegung (Einbau der Leitung bei Umgebungstemperatur, d.h. ohne Erwärmung) der Rohre Dehnschenkel einbauen. Wenn heisses Wasser durch die Rohre fliesst, dehnen sich diese aus. Der Dehnschenkel gibt der Ausdehnung nach, beugt Materialspannungen vor und schützt die Leitung vor dem Verbiegen oder Brechen. Bei der Warmverlegung müssen wir, wie bereits erwähnt, mit einer heizungsunterstützen Vorspannung arbeiten.
Was sind die besonderen Herausforderungen im urbanen Raum?
Man muss darauf achten, den Verkehr so um die Bauarbeiten herum zu leiten, dass keine Gefährdungen entstehen. Auch sehr wichtig ist es, die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner gut darüber zu informieren, was während der Bauzeit auf der Baustelle in ihrer Umgebung vor sich geht. Die meist eingeengten Baustellen sind für Planer und Ausführende oft eine Herausforderung.
Wie lange ist die Lebensdauer einer Fernwärmeleitung?
In der Regel kann man davon ausgehen, dass ein Fernwärmrohr 60 bis 80 Jahre hält.
Es ist bekannt, dass bei Wasserleitungen in späteren Jahren Undichtigkeiten auftreten können. Wie sieht es bei Fernwärmeleitungen aus? Und wie kann man die Dichtigkeit einer Leitung überprüfen?
Ersteres ist bei den Fernwärmerohren nicht anders. Wir bauen jedoch eine Lecküberwachung in der Rohrdämmung ein, mit der eine Nasstelle auf +/-1m genau ortbar ist. Das bedeutet, dass wir ein Leck detektieren können. Folgerichtig wird an der entsprechenden Stelle der Boden geöffnet und das Leck gezielt repariert.
Die Dichtheit unserer Fernwärmeleitungen überprüfen wir mithilfe einer Festigkeitsprüfung (Druckprüfung) über 24h hinweg. Bleibt der Druck während dieser Zeit stabil, gilt die Leitung als dicht.
Die Versorgungssicherheit hat bei der Wärmeversorgung bekanntlich eine grosse Bedeutung. Wie reagiert man in einem Fernwärmenetz auf einen Leitungsunterbruch?
Das Fernwärmenetz hat eine hohe Verfügbarkeit, indem wir an gezielt platzierten Orten im Netz Einspeisepunkte von Energie haben. Ein Einspeisepunkt ist die Stelle, an der eine Wärmequelle – beispielsweise eine der Heizzentralen – ihre erzeugte Wärme in das Fernwärmenetz einspeist. Dadurch lässt sich das Netz in einzelne Sektionen unterteilen (sektionieren), sodass ein Leitungsunterbruch auf einen begrenzten Netzabschnitt eingegrenzt werden kann. Je nach Ausmass des Schadens werden die gbm den Leitungsunterbruch so rasch als möglich instand stellen. Sollte sich abzeichnen, dass eine Reparatur länger dauert, werden die Kunden mit Provisorien (z. B. einer mobilen Heizzentrale) versorgt, bis das System wiederhergestellt ist.
Was für Liegenschaften werden primär an das Fernwärmenetz angeschlossen?
In Muri‑Gümligen werden im Rahmen des Basisprojekts vor allem grössere Gebäude und dicht besiedelte Räume an das Fernwärmenetz angeschlossen. Dazu gehören:
- Mehrfamilienhäuser und Wohnüberbauungen
- Gewerbe- und Dienstleistungsgebäude
- Liegenschaften in zentralen Quartieren / Fernwärme-Clustern
- Öffentliche Liegenschaften (z. B. Schulen oder Gemeindebauten)
Priorität haben Gebäude und Gebiete mit hohem und konstantem Wärmebedarf sowie guter Lage zum Netz. Dies auch, weil damit ein wirtschaftlicher Betrieb des Netzes gewährleistet werden kann. Das Gesamtkonzept des Fernwärmenetzes zielt darauf ab, rund 60 Prozent der Bevölkerung mit Fernwärme zu versorgen. Weitere Netzverdichtungen nach Abschluss des Projekts sind möglich.